"Eingemauert" nennt Professor Manfred Görlach sein Buch, in dem er seine Erlebnisse als Strafgefangener in DDR-Gefängnissen schildert. Er hatte im Dezember 1961, nach dem Bau der Berliner Mauer, versucht, Mitstudentinnen aus Ostberlin zur Flucht nach Westberlin zu verhelfen und war dabei enttarnt worden. Nun lauschten Schüler aus Geschichtskursen der Jahrgangsstufen 11 und 13 des Andernacher Kurfürst-Salentin-Gymnasiums (KSG) seinen Berichten. Görlach wuchs nahe der Zonengrenze in Niedersachsen auf und erlebte so aus unmittelbarer Anschauung die deutsche Teilung. Er studierte in Westberlin zusammen mit jungen Leuten aus Ostberlin, denen das Studium dort wegen ihrer bürgerlichen Herkunft nicht erlaubt war. Das gemeinsame Studium fand jäh am 13. August 1961 sein Ende, als bereits in der Nacht Stacheldraht zwischen Ost- und Westberlin gezogen wurde und der Mauerbau begann, Im Gegensatz zu den Westberlinern durfte der Westdeutsche Görlach noch nach Ostberlin reisen. Als er seine ehemaligen Kommilitonen fragte, wie er ihnen behilflich sein könne, war die Antwort: "Hol uns raus." " Ich konnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, nicht zu helfen", so Görlach. Anfangs funktionierte die Fluchthilfe. Einer Oststudentin besorgte er den Pass einer Schwedin, die ihr ähnlich sah, und brachte ihr die Kleidung seiner Schwester aus dem Westen mit, damit sie glaubwürdig aussah und die Zöllner überlisten konnte.
Der nächste Fluchthilfeversuch endete im Gefängnis. Er sollte eine Frau nach Westberlin schleusen, die er nicht kannte. Wie er später aus den Stasiakten erfuhr, wurde die Stasi durch einen Brief mit falscher Hausnummer aufmerksam. Der Brief war an die Frau gerichtet, die die Flucht plante, und landete bei einer Frau gleichen Namens. Diese war überzeugtes SED-Mitglied und wendete sich an die Stasi, erzählte Görlach. Eine Stasi-Mitarbeiterin begleitete als angebliche Mutter die vermeintlich Fluchtwillige zum Treffen mit Görlach. Dieser ahnte nichts und folgte beiden in eine konspirative Wohnung. Dort wurde er schließlich festgenommen. Zwei Wochen lang wurde er verhört, ohne dass er einen Anwalt oder Angehörige benachrichtigen durfte. In einem angeblich öffentlichen Prozess, von dem niemand etwas gewusst habe und zu dem aus dem Westen niemand habe anreisen dürfen, wurde er in Halberstadt zu vier Jahren Haft verurteilt. Diese verbrachte er im Zuchthaus Brandenburg-Corden mit Mördern in einer 14-Betten-Zelle und arbeitete zwangsweise im Traktorenwerk. Er habe währenddessen keine Bücher lesen dürfen, nicht einmal Marx und Engels. Der in Köln lebende Schriftsteller Heinrich Böll, der auch im Ostblock angesehen war, schrieb auf Bitten von Freunden Görlachs einen Bittbrief in die DDR. Aber eine Freilassung konnte er nicht erreichen. Manfred Görlach entwickelte aber Taktiken, um psychisch und physisch die Haft möglichst unbeschadet zu überstehen. Ein Versuch der Stasi, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) anzuwerben, scheiterte zudem an seinem Widerstand. Er wollte "dem Teufel nicht den kleinen Finger geben", wie er heute sagt. Und dennoch, früher als erwartet, nach 976 Tagen Haft, konnte Görlach das Zuchthaus gen Westen verlassen. Seit kurzer Zeit kaufte die Bundesrepublik Häftlinge aus der DDR mit Waren frei. In späteren Jahren wollte die DDR dann nur noch Bargeld akzeptieren. Görlach wurde mit Apfelsinen und Bananen im Wert von 40 000 Deutschen Mark freigekauft, berichtet er.
"Ich fürchtete einen langweiligen Vortrag", meinte ein Schüler, als Görlach die Schilderung seiner Haft beendet hatte, "aber es war richtig spannend!" Der Professor hatte die für ihn sehr schlimmen Erlebnisse Schülern und Lehrern schließlich lebendig, anschaulich und trotz des ernsten Themas auch mit Humor erzählt.







