Dr. Erwin Nachtsheim: Ein Vorbild
Milad Nazemian: Ein persönlicher Bericht
Es ist ein grauer Vormittag im Winter. Meine 13 Schuljahre habe ich nun fast abgesessen - naja, das ist vielleicht das falsche Wort - und warum? Nun, während ich nicht nur in den Genuss der Ansammlung von Wissen kam, wurde auch gezielt die Ausbildung meiner Persönlichkeit und das Erlangen von Individualität gefördert. Das war jedoch nicht immer so. Bis vor 66 Jahren noch war es das erklärte Ziel des Staates, eben diese Individualität auszumerzen, um willige Soldaten für die eigenen Eroberungspläne zu schaffen.
Habe ich eigentlich erwähnt, warum ich an einem grauen Vormittag im Raum 129 sitze? Unser ehemaliger Schulleiter, Herr Dr. Nachtsheim, ist heute zu Besuch, um von seiner Schulzeit während des NS- Regimes und seiner Zeit im Russlandfeldzug zu erzählen.
Herr Dr. Nachtsheim, 1924 geboren, entstammt einer katholischen Familie, sein Glaube ist ihm leicht anzumerken - so dankt er Gott, dass er hier sein und sprechen kann.
Der ehemalige Lehrer, der ebenfalls Schüler am KSG war, berichtet uns von den Verhältnissen der Schule unter Direktor Pentz, einem eingefleischten Nationalsozialisten, der auch immer Uniform trug. Die sohulische Erziehung sei im Sinne der vormilitärischen Erziehung sehr sportbetont gewesen, außerdem habe der Lehrplan vor allem im Geschichtsunterricht viel Propaganda beinhaltet, auch wenn ein großer Teil der Lehrerschaft, davon ausgenommen ihr Chef, dies abzumildern versuchte.
Wir alle müssen lachen, als Herr Nachtsheim uns einen Rekrutierungsversuch der SS schildert: Diese habe den gesamten Abiturjahrgang in Reih und Glied antreten lassen und ihn durch die Andernacher Innenstadt bis zum Rekrutierungsbüro führen wollen. Allerdings mit wenig Erfolg, da sich ein Schüler nach dem anderen verstohlen in eine Seitengasse oder ein Geschäft abgesetzt habe.
Das Endergebnis waren dann drei Rekruten für Hitlers Kriegsmaschinerie, aber immer noch drei zu viel.
Doch der Ex-Direktor habe sich dem Einfluss der Nazis nicht entziehen können. Zunächst in der Katholischen Jugendorganisation aktiv, sei er nach deren Auflösung der HJ beigetreten, in der er es zum Jungzugführer gebracht habe. Er berichtet uns, dass er 1942 zum Arbeitsdienst eingezogen und mangels abgeschlossener Abiturprüfungen mit einem Reifevermerk abgespeist worden sei. Nach zwei Monaten habe er seine Grundausbildung bei der Wehrmacht in Belgien absolviert. Den dortigen Drill beschreibt er als reine Schikane, so habe er z. B. mit aufgezogener Gasmaske laufen müssen.
Nachdem man ihn mit Viehwaggons nach Russland transportiert und ihm und seinen Kameraden ihre Offiziere vorgestellt habe, sei das böse Erwachen gekommen: Die angebliche Waffenüberlegenheit der Deutschen gab es nicht, und die Luftwaffe war schlichtweg nicht dazu da, die Bodentruppen zu unterstützen.
Herr Nachtsheim schildert die Kämpfe in der schier unendlichen Weite Russlands, meist auf freien vereisten Feldern, auf denen man sich kaum eingraben konnte - letztlich seien er und seine Kameraden nichts als Kanonenfutter gewesen.
Zum Töten sagt er: „Es ist möglich, es ist möglich, man steht so in dem Zwang: Entweder er oder ich“. Das belegt auch die lange Reihe seiner Orden, darunter das EK 2 und die Nahkampfspange.
Während er seinen Bataillonskommandeur als „sehr ordentlich“ beschreibt, kommt sein Divisionskommandeur in seinem Urteil als „Feigling“ weg, der sich bei Beschuss in seinem Unterstand versteckt, während seine Männer draußen ausharren müssen.
Herr Nachtsheim erzählt uns von Kämpfen mit Partisanen, denen deutsche Soldaten im Tausch gegen Naturalien Waffen verschafft hatten, aus Angst vor Gefangennahme und dem Geräusch der Stalinorgeln.
Sein wohl einschneidendstes Kriegserlebnis wird wohl am 21. 11. 1943 stattgefunden haben - dem Tag seiner Verwundung. Man habe seine Einheit mit LKWs in ein Dorf transportiert und ihr befohlen, es gegen die anrückenden Russen zu verteidigen. Er erinnert sich noch genau an die Müdigkeit, die er verspürt habe, weshalb er sich in einer Miete zum Schlafen gelegt habe. Am nächsten Morgen sei er dann aufgewacht, nur um festzustellen, dass seine Einheit scheinbar spurlos verschwunden sei. Doch er habe noch einmal Glück gehabt, denn seine Einheit sei noch immer vor Ort gewesen.
Noch am selben Morgen sei Dr. Nachtsheims Einheit angegriffen worden. Er berichtet, dass er während des Häuserkampfes einen russischen Soldaten hinter einem Haus habe hervorkommen und abdrücken sehen, dann habe er Gewebe auf seiner Uniform registriert. Das Projektil, ein Explosivgeschoss, habe „nur“ sein Fleisch zerfetzt, anstatt wie vorgesehen den Knochen zu zerreißen.
Sein Leben habe er seinen Kameraden zu verdanken, die ihn bargen und einen LKW einer anderen Einheit requirierten und ihn ins Lazarett brachten.
Sogar eine Morphiumspritze sei ihm von einem Freund gegeben worden. Ansonsten sei lediglich die Wunde gesäubert worden. Unmöglich waren die Zuständen seines Krankentransportes: Mit verlauster und verdreckter Unterwäsche ging es sechs Tage lang in einem Waggon durch Partisanengebiet.
Am Hauptverbandsplatz angekommen, habe man ihn richtig behandelt. Auch hier habe er Glück gehabt, denn ein anderer Soldat sei an der gleichen Verletzung gestorben — doch Herr Nachtsheim hat die Tortur überlebt.
In besonderer Erinnerung wird mir die ein cm dicke Schmutz- und Läuseschicht auf dem Badewasser des Soldaten bleiben. Drei Mal habe man ihn baden müssen, um ihn zu säubern.
Zum Glück des Mannes, der so viel durchzumachen hatte, habe ihn sein „Heimatschuss“ von der Front erlöst. Eine Flasche Sekt, in einer Lotterie gewonnen, habe er mit seinen Kameraden auf der Zugfahrt gen Heimat ausgetrunken. Dort habe es zwei wichtige Begegnungen mit alten Bekannten gegeben: Die erste erfolgte mit seinem Lehrer aus der Grundschule, dem er Vorhaltungen gemacht habe, dass er ihn in den Krieg hineingebracht habe, ohne dass er selbst je an der Front gewesen sei. Gepresst berichtet Herr Nachtsheim, dass ebenjener Lehrer nach dem Krieg Empfänge gegeben habe. Die Bonzen, so sagt er, hätten nie gebüßt.
Die zweite wichtige Begegnung sei mit einem ehemaligen Mitschüler jüdischer Abstammung im August 1944 erfolgt. Dieser habe sich zuvor in die Schweiz retten können, sei später jedoch zurück nach Deutschland gekommen. Der Soldat Nachtsheim habe ihn im Studienurlaub während eines Bombenangriffes der Alliierten in einem Luftschutzbunker getroffen. Sein Bekannter sei natür-lich verängstigt gewesen, hatte er doch zu befürchten, nun verraten zu wer-den. Doch Herr Nachtsheim verriet ihn nicht.
So beeindruckend die Erlebnisse unseres Referenten sind, viel beeindrucken-der ist der Mut, den er während seines Vortrags bewiesen hat. So teilt er uns mit, wie schwer es ihm falle, über das Erlebte zu reden, und diese überwindung ist ihm bei jedem seiner Worte anzusehen. Am Ende bleibt uns allen schier die Luft weg. Es ist schon schwer, mit alledem umzugehen, wenn man es nur gehört hat, doch all das selbst durchmachen müssen? Man möchte es nicht hoffen! Und deshalb muss ich sagen, dass ich dankbar für die Institution Schule bin, die die Leute aufklärt, sie zu selbstbewussten Individuen macht, die sich genau wie Herr Doktor Nachtsheim nicht einfach willenlos einspannen lassen, die trotz allen Leids und allen Zwangs in der Lage sind zu reflektieren, die verantwortlich machen, aber auch Verantwortung zeigen, so wie es unser ehemaliger Direktor und noch viele andere Menschen, von denen wir wohl gar nichts wissen, getan haben oder noch tun.