Zeitzeugengespräch mit Frau Prof. Erika Rosenberg am 28.10.2011
Ein Bericht von Dr. Sabine Bermel
Im Rahmen der von der Fachkonferenz Geschichte organisierten Veranstaltungsreihe „Zeitzeugengespräche am KSG“ berichtete Frau Prof. Rosenberg Schülern der Geschichtskurse der Jahrgangsstufen 11 bis 13 am 28. Oktober 2011 von ihrer Freundschaft mit Emilie Schindler, der Frau des durch den oscarprämierten Spielfilm „Schindlers Liste“ bekannten deutschen Industriellen Oscar Schindler. Unterstützt durch eine interessante Powerpoint-Präsentation, die zahlreiche Dokumente aus dem Schindlernachlass enthielt, bot Frau Prof. Rosenberg den Zuhörern einen anschaulichen Einblick in ihre langjährige Forschungsarbeit zur Biographie des Ehepaars und seiner mutigen Rettungsaktion. Darüber hinaus vermittelte sie lebhaft ihre Eindrücke von den Erfahrungen, die sie und Emilie Schindler mit dem Umgang der Filmbranche mit historischen Stoffen und Zeitzeugen machen musste.
Als Tochter während der nationalsozialistischen Herrschaft aus Deutschland nach Argentinien emigrierter Juden hat Frau Prof. Rosenberg selbst einen persönlichen Bezug zu der leidvollen Lebensgeschichte jüdischer Bürger in dieser Zeit. Durch ihre enge Freundschaft mit Emilie Schindler, mit der sie lange Gespräche über deren Erlebnisse führte und beim Verfassen ihrer Biographie „unter deren Haut schlüpfte“, gelang es ihr als Zeitzeugin der zweiten Generation einen profunden und emotionalen Eindruck von den gleichermaßen erschreckenden Erfahrungen mit der schwer nachvollziehbaren Grausamkeit von Menschen in dieser Zeit als auch ermutigenden Erfahrungen mit der Zivilcourage und Menschlichkeit des Ehepaar Schindlers zu vermitteln.
Mit ihrem Vortrag regte Frau Prof. Rosenberg die Schüler auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Umgang der Gesellschaft mit Geschichte an. So bedauerte sie ausdrücklich, dass in der öffentlichkeit die Rolle, die Emilie Schindler bei der Rettung der in der Fabrik ihres Mannes beschäftigten jüdischen Zwangsarbeiter spielte, nie im ausreichenden Maße gewürdigt wurde. So sei es beispielsweise Emilie gewesen, die mit der Besorgung von Nahrungsmitteln und Medizin für die Arbeiter betraut war und ihr war es auch zu verdanken, dass in Abwesenheit ihres Mannes 120 Arbeiter, die von einer anderen Fabrik angefordert, jedoch nicht aufgenommen wurden, gerettet und von ihr selbst in einem eigens errichteten Lazarett versorgt wurden. Auch in Spielbergs Film „Schindlers Liste“ sei die Rolle Emilies, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen, marginalisiert worden.
Mit den Worten „Die große Kraft des Lebens ist der Dank“ schloss Frau Prof. Rosenberg ihren Vortrag. Während Emilie Schindler seitens Spielbergs und der Filmproduktionsfirma sträflich wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, erhielt sie von den Geretteten Dankesbriefe und wurde auch auf einem Empfang in Israel von überlebenden erkannt und mit aufrichtigen Dankesworten bedacht, während die Vertreter der Filmproduktionsfirma ihr keinerlei Beachtung schenkten. Nach ihrer Auswanderung nach Argentinien wurde Emilie Schindler, deren Ehemann sich mit der Rettungsaktion finanziell ruiniert hatte, von einer jüdischen Organisation unterstützt.Oscar Schindler erhielt 1963 für seinen Einsatz für zahlreiche Menschenleben das Bundesverdienstkreuz. Diese Ehre wurde seiner Frau erst kurz vor ihrem Tod auf Betreiben von Prof. Rosenberg zuteil. Angesichts ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und der Militärdiktatur in ihrem neuen Heimatland Argentinien machte Frau Prof. Rosenberg das junge Publikum darauf aufmerksam, wie dankbar sie für ihr Leben in einem demokratischen Staat und angesichts ihrer eigenen Zukunftsperspektiven sein können.
Dr. Sabine Bermel