17. Februar 2010:
"Wie war das damals genau, als die Menschen in Leipzig vor über 20 Jahren montags auf die Straße gingen und unter den Augen von Polizei und Stasi Freiheit forderten?" Nicht immer können Lehrer auf alle Fragen von Schülern detailliert antworten – schließlich müssen sie sich auf Textquellen stützen und waren selbst (meist) nicht Teil epochaler Ereignisse.
Das Kurfürst-Salentin-Gymnasium lädt deshalb schon seit Jahren in regelmäßigen Abständen Zeitzeugen ein, die von ihren persönlichen Eindrücken anschaulich berichten und den Geschichtsunterricht dadurch ergänzen und bereichern können.
In diesem Jahr lud der Fachbereich Geschichte am 17.02.2010 Thilo Vogel ein, um in den ersten beiden Schulstunden seine Erinnerungen aus der DDR zu schildern und endlich Fragen von neugierigen Schülern zu beantworten, bei denen jeder Lehrer passen muss. Im Zentrum standen dabei die Leipziger Montagsdemonstrationen, aber auch von seiner Kindheit in der DDR und den ersten Schockerfahrungen mit der Westkultur nach dem Mauerfall erzählte der heute 42-Jährige.
Regimetreu erzogen, lebte er bis zu seinem etwa 16. Lebensjahr relativ unbelastet und unreflektiert im realexistierenden Sozialismus.
Während einer Lehre in einem Möbelgeschäft nahm er das erste Mal die Mangelwirtschaft bewusst wahr. Vor allem der Gegensatz zwischen dieser realen wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung und der Propaganda des Regimes („Die Wirtschaft blüht“) wurde ihm immer stärker bewusst. Die Botschaften von sozialistischen blühenden Landschaften konnte die Bevölkerung jedenfalls bis in die achtziger Jahre oftmals nur in Schwarz-Weiß-Fernsehern verfolgen.
Vogel machte es den jungen Zuhörern auch deshalb leicht in seine Schilderungen einzutauchen, weil er sich selbst stets angenehm zurücknahm. So habe er die erste Montagsdemonstration in Leipzig relativ unreflektiert und eher spontan besucht. „Wir wollten einfach mal sehen, was da los war und liefen mit.“ Erst später nahm er die Gefahren wahr – Mitglieder von Polizei und Staatssicherheit, die einzelne Aufrührer herauszogen. Doch der Wille dieses „Gefühl des Eingesperrtseins“ innerhalb des Unrechtsstaats zu beseitigen habe einfach überwogen. Noch immer bewegt, griff er in diesem Zusammenhang auf einen Augenblick zurück, in dem er einen einzelnen Polizisten wahrnahm, der unbemerkt und einsam am Straßenrand saß und still weinte; der etwa 60-jährige Beamte hatte wohl in diesem Moment begriffen, dass er zu lange auf der falschen Seite stand. Es sind Bilder wie diese, die das KSG bewegen, auch in Zukunft am Zeitzeugen-Projekt festzuhalten.
In der anschließenden Fragerunde erkundigten sich die Schüler gerade nach diesen sehr persönlichen Momenten des Alltags. Aber auch die Situation nach der Wiedervereinigung und die Frage nach dem Selbstbild (Ostdeutsche - Deutsche „zweiter Klasse“?) beschäftigte sie.




